Theater in der Pandemie – Wie geht es dem Velvets Theater in Wiesbaden Südost?

Südost hört zu:

 

Als ein zweiter Lockdown noch weit weg schien, da schrieb der New Yorker scherzhaft: Ein Theater zu besuchen, sei so riskant wie beliebige Menschen in der U-Bahn Zungenküsse zu geben und anschließend ausgiebig die Haltestange abzulecken. Dabei haben sich weder Theater noch Kinosäle als auffällige Ansteckungsplätze erwiesen. Der Humor ist mittlerweile wieder verstummt, die Pandemie hat das Land neu im Griff.

Wir von OV Südost möchten wissen:

Wie geht es den Kulturschaffenden in unserem Viertel?  Wie lautet das Zwischenfazit, wie werden die Bühnen unserer Stadt möglicherweise nachhaltig durch die Pandemie verändert?

In unserer ersten Ausgabe von „Der Ortsverein Südost hört zu“ möchten wir das Velvets Theater sprechen lassen.

Wir stellen Fragen, möchten verstehen, wie die Pandemie die Arbeitswelt in der Theaterbranche auf den Kopf gestellt hat und wo sich Lösungsansätze finden lassen, die wir möglicherweise auch unterstützen können.

Das Velvets Theater wurde 1967 von Bedrich Hanys und Dana Bufkova in Prag gegründet. Nachdem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR verlässt die Truppe die Heimat. 1970  lässt sich die Gruppe in Wiesbaden nieder,  dort wird 1996 nach freiem Theaterengagement auch eine eigene Spielstätte im Stadtteil Südost gegründet. Das Velvetsist ein Familienbetrieb, heute leitet es die Tochter Barbara Naughton zusammen mit ihren Eltern.

Das Velvets Theater ist aber keine „normale Spielstätte, sondern ein echtes Schwarzlichtheater. Es ist also eine Form des Theaterspiels, bei der in einem völlig verdunkelten Raum bzw. auf einer Bühne mit schwarzem Hintergrund agiert wird. Ein echtes Unikat also, das da in Südost den Zuschauer*innen geboten wird.

Und doch bleiben auch Unikate von weltweiten Pandemien nicht verschont.
Die Pandemie an sich sei aber nicht das Problem, so Barbara Naughton. Vor allem die erschwerte Planbarkeit belastet die Theaterleitung.

„Theater funktionieren nicht ohne vorausschauende Planung. Es müssen Schauspieler engagiert, Stücke geprobt, sogar Gesänge einstudiert werden, erläutert Naughton. So war es auch eine besondere Herausforderung, als das Theater nach dem ersten Lockdown im Mai plötzlich wieder geöffnet werden sollte. Es gab damals überhaupt keine eindeutigen Regeln für Hygienemaßnahmen. Die Abstandsregeln wurden zwar klar geäußert,( damals 10qm pro sitzender Person), aber keiner wusste wie die Hygienemaßnahmen auf der Bühne aussahen. Keiner konnte Auskunft geben, es hieß lapidar: ja dann wird wohl das, was man im Zuschauerraum beachten muss, auch auf der Bühne gelten. Die Theater waren also gezwungen, innerhalb kürzester Zeit ein Gesamtkonzept zu entwickeln, welches plötzlich auch coronagerechte Stücke im Spielplan beinhalten sollte. Nur wusste keiner, was das im Einzelnen heißen sollte. Als das Velvets-Team feststellte, dass dies 10qm pro Zuschauer bedeuten würde und lediglich 12 Zuschauer*innen in das Theater gelassen werden konnten, (statt der sonst 128 Personen), entschied sich die Leitung gegen die Öffnung des Theaters im Mai.

Die Regeln für die Hygienemaßnahmen wurden bis Herbst in etwa viermal geändert. Malwaren es 10qm, dann 5qm, dann 3qm, dann wieder 5 qm pro Person. Im Gesundheitsamt erreichte man keinen und es gab nirgends jemanden, der aufklärte. Naughton wirkt in unserem Gespräch pragmatisch und berichtet gefasst davon, wie man dann eben Stücke ausgewählt habe, die auch mit Abstand gespielt werden können („Momo“, „Die Zauberflöte“). Die Probe für die neuste Produktion „Heiße Zeiten“ wurden auf zoom umgestellt.  Natürlich wünscht Naughton sehnsüchtig, dass das Velvets Theater im Frühjahr wieder eröffnet werden kann. Aber sie zeigt auch Verständnis, dass es angesichts der derzeitigen Fallzahlen noch nicht möglich ist. Aber für die Zeit nach Weihnachten wünscht sie sich endlich klarere Ansagen aus der Politikzur zeitlichen Begrenzung der Schließungen, um eine bessere Planbarkeit zu erreichen.

Wie geht das Theater nun mit diesen schwierigen Aussichten um?
Wie erreicht man sein Stammpublikum ohne Bühne?

Auch dazu hat sich Naughton natürlich Gedanken gemacht. Wir sprechen über Streamingformate vom „Kleinen Prinz“, das bekannteste Stück aus dem Hause Velvets. Sicher würden das einige Kinder und Familien gerne online sehen. Auch Schulklassen schlagen wir vor. Noch fehlt die digitale Ausrüstung, aber die Offenheit, neue Wege zu gehen, signalisiert Naughton. Wir beraten gemeinsam über finanzielle Mittel aus dem Ortsbeirat.

Als finanzielle Hilfen für das Theater wurde die Soforthilfe abgelehnt. Unter die Kulturhilfe Neustart Kultur falle das Theater nicht. Aber es gab ca. 20.000 Euro Ausfallhonorare durch die Stadt, die aber bis 31.12.20 verausgabt sein müssen. Ob es Überbrückungshilfen gibt, entscheide sich erst im Januar 21.  Schauspieler als Soloselbstständige sind Freiberufler, die nur dann ein Honorar erhalten, wenn sie auftreten können. Sie trifft es besonders hart:  So erhielten Schauspieler keine Soforthilfen, da sie keine laufenden Ausgaben haben.

Ein gemeinsamer Spielplan für kleine Theater in Wiesbaden wäre zudem eine große Unterstützung. Am Beispiel Hamburgs erklärt uns die Geschäftsführerin, wie große Schauspielhäuser und kleine familiengeführte Theater im Austausch stehen und miteinander kommunizieren. Das hilft auch den kleineren Theatern bei der Planung des neuen Spieljahres. Auch für Wiesbaden würde sie sich wünschen, dass die kleineren Spielstätten eine Unterstützung hinsichtlich des Marketingformates bekämen. Ein gemeinsamer Spielplan, der öffentlich beworben würde, würde mehr Zuschauer*innen erreichen. Sie wünsche sich mehr „Sichtbarkeit“, erläutert Naughton. Zudem würden die kleineren Kulturstätten entlastet, in denen die Künstlerische Leitung sich noch ganz nebenbei um Flyer und Werbung kümmert.

Dies sind interessante Anregungen, die große Unterstützung erfahren sollten und die wir daher aus diesem Austausch in unsere politische Arbeit mitnehmen werdenZu schnellen Lösungen kommen wir durch unseren Austausch nicht. Und doch bleibt das gute Gefühl, dass es ein Austausch mit gegenseitigem Mehrwert gewesen ist. Wir konnten Einblick in die Kulturbetriebe gewinnen, den wir für unsere politische Arbeit dringend benötigen. Wir möchten uns als Sprachrohr für die kleinen Kulturbetriebe in unserem Stadtteil einsetzen.

Als OV, dessen Mietglieder*innen sich durch unterschiedliche Fähigkeiten auszeichnen, konnten wir aber auch gleichzeitig Anregungen zu neuen Formaten liefern, die Frau Naughton sich gerne mal durch den Kopf gehen lassen will.

Deutlich wird: Auch im Theater sind innovative Lösungen gefordert. Aber wo, wenn nicht dort, werden kreative Wege beschritten werden können?